Tap Dance Masters: Gregory Hines

Gregory Hines ist für den Steptanz, was Miles Davis für den Jazz ist: ein Visionär, der durch seine individuelle Kreativität das ganze Genre aus der Vergangenheit in die Gegenwart gebracht hat. Natürlich findet man in seinem Tanz viele Parallelen und Referenzen zu den traditionellen Schritten und Formen. Aber musikalisch und ästhetisch formuliert er einen ganz eigenen, modernen Stil, der alle Steptänzer nach ihm inspiriert hat. Typisch sind

seine von funky Pop-Grooves beeinflussten Rhythmen (Gregory Hines produzierte auch eigene Pop-Songs), seine a-capella Improvisationen, in denen er sich gelegentlich vom strikten Time löst und Motive frei entwickelt und natürlich sein sehr sportlicher, raumgreifender Bewegungsstil.

Gregory Hines war auch als Schauspieler in zahlreichen Filmen und am Broadway erfolgreich. Der Steptanz war so gesehen nur ein Teil seiner Karriere. In vielen seiner Filme tanzt er nicht, sondern ist „nur“ Schauspieler. Unter den Filmen, in denen er steppt, sind einige Meilensteine, in denen er auch für die Verbindung von Tanz und Film neue, glaubwürdige Lösungen findet, die sich überzeugend von der Ästhetik der Musicalfilme aus den 40er und 50er Jahren befreien. Besonders eindrucksvoll sind die Filme „White Nights“ und „TAP“. Die sollte man im Regal stehen haben!

Hier ein Ausschnitt aus White Nights:

Für unsere Masters-Serie habe ich die Street Dance Choreographie aus dem Film TAP transkribiert. Sie wird oft zitiert und sofort mit Gregory Hines verbunden.

Nebenbei: Für den Film wird Henry LeTang als Choreograph angeführt. Ich weiß nicht genau, wie Henry LeTang und Gregory Hines zusammen gearbeitet haben. LeTang war ein einflussreicher Lehrer und Choreograph und arbeitete z.B. auch im Film Cotton Club mit Gregory Hines zusammen. Es könnte sein, dass einige der Schritte in diesem Tanz auch auf ihn zurück gehen. Allerdings sind die Bewegungen und die Phrasierung absolut Gregory-Hines-typisch und werden immer mit ihm in Verbindung gebracht.

Im Vergleich zu den bisherigen Transkriptionen ist das Material diesmal viel moderner und rhythmisch interessanter. Möglicherweise ist es deshalb auch ein bisschen schwieriger zu lernen. Deshalb erkläre ich diesmal ein bisschen ausführlicher.

Erstmal wieder der Tanz in Noten:

Gregory-Hines-Streetscene-I

Die Notation ist wegen der vielen 32tel-Noten etwas stachelig. Zum Üben kann man einfach alle Notenwerte verdoppeln – also aus 32teln 16tel machen usw. – dann lässt sich alles besser zählen. So wie hier notiert ist es aber korrekt. Das Originaltempo liegt bei ca. 102 bpm, in den Videos zeige ich die Schritte im Tempo 60 bpm.

Abgesehen von einer ganzen Sequenz aus Steps am Ende, besteht der Tanz im Prinzip nur aus zwei Bewegungsmotiven. Die zeige ich vorher separat. Zunächst die für Gregory Hines ganz typische Weiterentwicklung des klassischen Waltz Clog:

Und dann ein Schritt, der so fest mit Gregory Hines assoziiert ist, dass er gelegentlich „Hines-Riff“ genannt wird:

Aus diesen beiden Bewegungen besteht der erste Schritt. Er beginnt spack auch die Eins:

Wie ein klassischen Time Step wird dieser Schritt dreimal wiederholt und mit einem naheliegenden Break abgeschlossen. (Man empfindet sicher die „3“ des letzten Taktes bereits als Schluss der Phrase, ich tanze aber in diesem Video bis zur „1“ des folgenden Taktes weiter, damit man sieht, wie der Schritt rhythmisch eingebunden ist.)

Als nächstes folgt eine Art Zwischenschritt, in der Gregory Hines die Motive des Time Steps rhythmisch weiterentwickelt. In diesem Video beginne ich bereits auf die „4“ des vorigen Taktes. In den Noten ist die Stelle mit einem kleinen Sternchen * gekennzeichnet:

Ich kann mich dafür begeistern, mit welch einfachen, aber musikalisch kraftvollen Mitteln Gregory Hines das Material der Time Steps hier musikalisch öffnet. Dadurch entsteht große rhytmische Spannung und ein perfekter Übergang zum danach folgenden Teil. Beim Lernen ist weniger das Schrittmaterial als vielmehr die präzise Rhythmik eine Herausforderung. Als Grundlage sollte man die sogenannten 16tel-OffBeats musikalisch sicher platzieren können. Das kann man gut separat üben:

(Wer das ausführlicher üben möchte, findet im Groove Training #1 dazu die perfekte Basis-Übung.)

Eine weitere gute Methode, rhythmische Sicherheit zu erlangen, ist, den Schritt immer bis zur nächsten Gelegenheit zu tanzen, bei der wieder ein Step genau auf einen Beat trifft und sich dadurch ganz bewusst zu machen, wie das Gefüge aus Beats und Off-Beats über den Puls der Musik platziert wird. Das wäre also so (wieder an der selben Stelle beginnend wie oben):

Nach diesem Schritt entwickelt Gregory Hines die Idee der Akzente in den 16tel-OffBeats weiter. Ich zeige erstmal wie es von derselben Stelle bis zum Schluss weitergeht und gehe dann ins Detail:

Auf den ersten Blick ist die lange Sequenz der Schritte nach hinten verwirrend. Auf den zweiten Blick erkennt man aber, dass alles aus nur zwei Motiven besteht. Das erste Motiv beginnt immer mit dem linken Fuß und eröffnet die Sequenz (in den Noten am Anfang von Takt Nummer 5). Es lohnt sich sehr, sich den Rhythmus der Phrase 100%ig einzuprägen, deshalb klatsche ich die Phrase zuerst:

Wie Ihr seht, endet das erste Motiv immer auf dem Beat. Das zweite Motiv beginnt immer auf dem rechten Fuß und klingt so:

Diese beiden Motive werden nun so lange aneinander gereiht, bis man nach zwei Takten mit dem Step auf einer „1“ endet. Wenn ich das erste Motiv „links“ nenne, weil es mit dem linken Fuß beginnt, und das zweite „rechts“, dann ist die ganze Reihe: links-rechts-links-rechts-links. Das endet dann genau auf die „1“. (Gregory endet den Tanz mit einem Heel auf die „2“, aber das ist quasi ein Anhängsel.)

Auch hier lohnt es sich, den Rhythmus nur zu klatschen oder zu singen. In diesem Video klatsche ich das Motiv 1 (links) mit höheren Tönen und das Motiv 2 mit tieferen:

Nun muss diese Sequenz noch an die vorigen Schritte drangebastelt werden. Dazu erstmal ein Blick nur auf den Übergang. Das folgende Video beginnt auf die „3“ im vorangehenden Takt. In den Noten ist die Stelle mit einem Doppelsternchen ** markiert.

Und dann von derselben Stelle bis zum Schluss:

Damit sind alle Teile geübt! Von vorne bis hinten ist es dann so:

Viel Spaß beim Tanzen.
Sebastian