Groove Training #7: 6/8tel Glocke

Die Idee der HANDS + FEET Übungen wurde bereits im ersten Online Workshop dieser Serie vorgestellt: Man markiert mit den Füßen einen durchgehenden Puls und klatscht dazu einen Rhythmus. Wenn Dir das sehr schwer fällt, ist es vielleicht besser, mit dem Online Workshop # 1 anzufangen, den in diesem Workshop sind die Rhythmen ziemlich komplex. Wir benutzen die HANDS + FEET Methode diesmal, um dem Phänomen von 6/8tel Grooves näher zu kommen.

Das Besondere an (Afro-) 6/8-Grooves ist, dass man ein und denselben Rhythmus aus unterschiedlichen Perspektiven wahrnehmen kann. Diese Vielschichtigkeit ist ein Wesensmerkmal vieler afrikanischer Rhythmen. In diesem Workshop untersuchen wir das beispielhaft an einem typischen Rhythmus, den man in der westafrikanischen Musik sehr häufig findet, der aber auch in der kubanischen Musik eine wichtige Rolle spielt. Die Sache ist ziemlich komplex und ich baue den Workshop in mehreren Schritten auf. Der Aha-Effekt kommt dann erst ziemlich spät, aber es lohnt sich, dran zu bleiben…

1
Zunächst üben wir in der bewährten Methode diesen Rhythmus:

…oder für Nicht-Notenleser in einer Darstellung als Grafik:

Stelle dazu das Metronom auf ein langsames Tempo – zum Beispiel 72 bpm – und mache auf jeden Metronomklick einen Schritt. Der Schritt soll nicht laut oder „gesteppt“ sein, sondern einfach nur bequem und entspannt das Tempo markieren. Dann denkst Du Dir dazu eine Unterteilung in Triolen, beispielsweise indem Du „1 und e 2 und e 3 und e 4 und e 1 …“ zählst. Nun klatschst Du den Rhythmus dazu wie in der Grafik angezeigt. Sobald das rund läuft und ganz entspannt und präzise klingt, hörst Du auf zu zählen und groovst einfach munter vor Dich hin. In langsamem Tempo klingt das dann so:

2
Jetzt fängst Du nochmal von vorne an. Stell das Metronom auf ein etwas schnelleres Tempo – zum Beispiel 96 bpm – und mache auf jeden Klick einen Schritt. Denk Dir einen 3/4 Takt, das heißt die Schritte werden zu Dreiergrüppchen gebündelt und denk Dir eine Unterteilung in gerade Achtel. Die korrekte Art zu zählen wäre also „1 und 2 und 3 und 1 ….“

Dazu klatschst Du folgenden Rhythmus:

…als Grafik:

Wenn’s rund läuft, sollte es ungefähr so klingen:

Der Witz an der Sache ist, dass wir in beiden Fällen den gleichen Rhythmus klatschen. Das Klatschen in der ersten Übung ist identisch mit dem Klatschen in der zweiten Übung, steht allerdings in einem anderen Kontext und ist dadurch kaum wiederzuerkennen. Im ersten Fall wird der Rhythmus als ein triolisches Muster in 4/4 Takt interpretiert. Im zweiten Fall wird der Rhythmus als binäres Muster über die Länge von zwei 3/4 Takten interpretiert. Beides ist möglich, weil rein mathematisch in beiden Fällen dieselbe Menge von rhythmischen Unterteilungen (Subdivisionen) zur Verfügung stehen: im 4/4-Takt haben wir Platz für 12 Triolen. Im 3/4 Takt haben wir Platz für 6 Achtel und da der Rhythmus über die Länge von zwei Takten ausgeführt wird, haben wir 12 Achtel zur Verfügung. Der wichtige Unterschied ist, dass wir im ersten Fall eine Unterteilung des Beats in Triolen – also in drei Subdivisionen – vorgenommen haben und im zweiten Fall eine Unterteilung in gerade Achtel – also in zwei Subdivisionen.

Dieser „Trick“ ist prinzipiell immer möglich. Rein Theoretisch können wir jeden 4/4 Takt mit triolischem Feel auch als 3/4 Takt mit „achteligem“ Feel interpretieren und umgekehrt. Im Normalfall ist das aber weder sinnvoll noch schön. Ein Groove ist meistens entweder das eine oder das andere: 3er oder 4er Takt, binär oder ternär.

Im besonderen Fall des 6/8- oder 12/8-Taktes ist die Mehrdeutigkeit allerdings ausdrücklich erwünscht! Immer dann, wenn die erste Zahl der Taktangabe, also etwa die „6“ in „6/8“ sowohl durch 2, als auch durch 3 teilbar ist, sollten bei uns die Alarmglocken schrillen: es bedeutet, dass die Achtel dieses Taktes sowohl binär als auch ternär gruppiert werden können, also sowohl zu einem 3/4 Takt, als auch zu einem 4/4 Takt. Die Tatsache, dass der Komponist des Stückes sich eben nicht für einen 3/4 oder 4/4 Takt entschieden hat, sondern diese Entscheidung durch die Taktbezeichnung 6/8 oder 12/8 offen gelassen hat, bedeutet in der Regel, dass wir die Möglichkeiten der verschiedenen Perspektiven auch ausschöpfen sollen.

Da das hier keine Doktorarbeit werden soll, höre ich mal auf mit der Theorie, auch wenn es eigentlich noch viel zu sagen gibt, auch Widersprüchliches. Für die Praxis bedeutet es erstmal, dass es ja möglich sein müsste, den gelernten Rhythmus durchgehen zu klatschen und dabei mit den Schritten immer zwischen der 3/4-Perspektive und der 4/4-Perspektive hin und her zu springen.

Um zu prüfen, dass das Tempo nicht schwankt, hilft es, den geklatschten Groove von einem Sequenzer abspielen zu lassen. Wer kein entsprechendes Programm hat, kann sich mit diesen Audioaufnahmen helfen:

6/8 Afro Glocke, langsam

6/8 Afro Glocke, mittel

6/8 Afro Glocke, schnell

Wir klatschen also immer den Rhythmus und wechseln etwa immer nach vier Wiederholungen das Tempo der Schritte. Hier ein langsames Beispiel:

Und hier schneller:

Soviel für heute.

Schöne Grüße & viel Spaß beim Üben.

Freue mich über Feedback.
Sebastian